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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Klassenreise Sternvon Arno Abendschön02.4.13
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Abendschön fährt mit der Bahn in die Alpen. Es ist ein Schnellzug, der Urlauber in die Berge bringt. Zunächst bleiben die Plätze in seiner Nähe frei, sie sind erst ab Kassel reserviert. Dort schiebt sich eine Gruppe junger Menschen in den Wagen, mit Rucksäcken und Seesäcken, mit tragbaren Radios und Mobiltelefonen. Die meisten sind verwegen kostümiert, einer hat einen Schäferhut aus Filz mit superbreiter Krempe auf dem Kopf. Zwei Respektspersonen sind unter ihnen, eine dünne, farblose Frau in mittleren Jahren, auffällig unauffällig, und ein jovialer Endvierziger, etwas beleibt. Unschwer zu erraten: Das sind ein Lehrer und eine Lehrerin, sie begleiten die Abschlussklasse auf mehrtägiger Reise ins Gebirge.

Sie verteilen sich und ihr Gepäck geräuschvoll im Wagen. Dann wird es ruhiger. Ihre Musik ist nicht zu laut. Die Unterhaltung untereinander verläuft rege. Ein Ratespiel wird veranstaltet. Man besucht sich gegenseitig. Kleine Reibereien entstehen, Gehässigkeiten werden ausgetauscht. Hin und wieder wechseln zwei die Plätze. Die meisten jungen Männer trinken Bier aus Dosen, eins nach dem anderen. Zwei Flaschen, eine mit klarer, eine mit gefärbter Flüssigkeit, kreisen. Ein Teil der jungen Damen nippt daran, süffelt. Man kommt immer mehr in Stimmung. Doch es bleiben zum Glück manierliche Mittelschicht- und Kleinstadtkinder.

Der Lehrer macht regelmäßig mit Hallo die Runde. „Was macht ihr? Geht’s euch gut?“ Erkennbar für jeden wird er als Kumpel akzeptiert. Bevor er weitergeht, erklärt er noch einmal den weiteren Verlauf der Reise. Sie müssen in München umsteigen und am Schluss noch zwei Stunden zu einer Berghütte aufsteigen. Er hat das Programm im Kopf - und sie verlassen sich auf ihn.

Die Monotonie der Zugfahrt, die leise stampfende Musik, der Alkohol – all das erzeugt eine Atmosphäre besonderer Art. Sie werden stiller, versonnen. Denken sie daran, dass es ihre letzte gemeinsame Fahrt ist?

Vor Abendschön sitzt ein großer hübscher Brünetter, zugleich schlaksig und weich. Auch er ist angesäuselt und gesteht einem Kameraden, dass ihn nur Frauen ab dreißig interessieren. Allein mit ihnen habe er seine bisherigen Erfahrungen gemacht. Dabei sieht er wie ein melancholischer Clown aus: sehr beschäftigt mit der eigenen wundervollen Problematik. Und dann ist von der Mutter eines Schulkameraden die Rede, es ist eine verwickelte Geschichte. Mrs. Robinson, übernehmen Sie?

Der Zug biegt hinter Pasing auf die Umgehungsstrecke ein. Das tut er fahrplanmäßig, er fährt nie über München Hauptbahnhof, wo sie doch umsteigen wollten. Triumph guter Reiseplanung! Wann werden sie es merken?

Kurz vor der Isarbrücke ist es so weit. Lehrer und Lehrerin scheuchen auf einmal ihre Schützlinge auf: „Gleich kommt der Ostbahnhof! Wir müssen sofort raus und mit der S-Bahn zurück zum Hauptbahnhof!“ Den Anschlusszug werden sie trotzdem verpassen. Gemaule und Gejohle. Sie raffen alles zusammen, schleppen ihre siebenundsiebzig Sachen zum Ausgang.

Als Letzter steht dieser Liebhaber etwas reiferer Frauen von seinem Platz auf. Er trödelt und sieht noch zu Abendschön hinüber. Sie schätzen sich mit Blicken ab. Wie viel hat der Ältere vorhin mitbekommen? (Alles.) Rechnet der Jüngere mit Verständnis, mit Beifall gar? Er geht langsam und leicht schwankend zur Wagentür, noch einmal angetrieben vom Lehrer: „Mach endlich voran, der Zug fährt gleich weiter. Dann sitzt du bis Rosenheim drin.“

Und das war erst der Anfang ihrer Reise in die Alpen wie in das Leben überhaupt.

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