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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
die wolken im blickvon Mirani Meschkat25.2.17
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im auto roch es nach den blumen, die in einem weidenkorb auf dem rücksitz lagen, und ein wenig auch nach dem hund. elena nahm den fuß vom pedal und lächelte. langsam fuhren sie den verschlungenen weg durchs dorf mit seinen kleinen reetgedeckten häusern und vorgärtchen, in denen überall kahle rosenbüsche standen. hier und da eine weißgestrichene bank neben einer tür, und vor einigen häusern gab es pfähle, um fischernetze zum trocknen daran aufzuhängen, die waren vielleicht gar nicht mehr in gebrauch, sondern als blickfang für die touristen gedacht.
"im sommer muss es hier ganz bezaubernd sein," sagte mari, und fühlte im selben moment eine heftige unruhe aufsteigen, ihr herz begann zu rasen, ein bodenloses loch schwarzer angst klaffte, schweiß trat ihr auf die stirn, und als sie nun aus dem dorf hinausfuhren, die flache offene landschaft sich vor ihnen ausbreitete, ging es ihr wieder so schlecht wie an dem tag, als sie völlig überraschend ihre diagnose bekommen hatte. ein einziger gedanke an den sommer, den sie nicht mehr erleben sollte, hatte genügt: es war ihr, als böten sitz und lehne ihr keinen halt mehr, als glitte sie hinab in eine schreckliche leere - und sie würde nie mehr aufhören zu fallen, nie mehr...
sie drückte ihren kopf nach hinten, krampfte die hände in den stoff ihrer jacke. ein kleines, jämmerliches geräusch presste sich aus ihrer kehle. elena sah sie von der seite an. "was ist los? du bist ja ganz blass, ist dir nicht gut?" mari bewegte den kopf. "bitte, halt an," brachte sie heraus, und floh aus dem wagen, kaum dass er am straßenrand zum stehen gekommen war, zu einem apfelbaum, hielt sich fest an ihm, stand dort gekrümmt, mit dem rücken zum auto. sie fürchtete in ohnmacht zu fallen, fühlte sich, als ob sie keine knochen im leibe hätte, arme und beine kribbelten ihr.
elena mochte wohl glauben, dass ihr einfach übel geworden wäre, doch mari wusste, gleich würde sie aussteigen und fragen, ob sie ihr helfen könne, und das würde sie in die gefahr bringen sich zu verraten. das durfte ihr nicht passieren, denn dann würde elena wohl darauf bestehen, sie in ein krankenhaus zu fahren. und dahin wollte sie auf keinen fall. also zwang sie sich langsamer zu atmen. sie erinnerte sich, dass man zur beruhigung beim einatmen bis zwei zählen soll - und beim ausatmen bis sechs. beim ersten versuch ging es ihr womöglich noch schlechter, beim zweiten blieb es wie es war, beim dritten mal wurde sie schon etwas klarer im kopf, ein zart leuchtendes grün schimmerte ihr vor den augen, und sie schöpfte hoffnung mit dem nächsten atemzug. ein buch mit dem bild eines weiblichen buddhas fiel ihr ein... die grüne tara. sie atmete jetzt freier, und als sie zum fünften mal bis sechs zählte, hörte sie die autotür und elenas schritte.
"es geht gleich wieder", sagte mari und drehte sich um, sie versuchte ein lächeln. die freundin schaute besorgt. - "manchmal vertrage ich autofahren überhaupt nicht, und das dann immer ganz plötzlich." die erklärung kam etwas dünn und mit wackliger stimme. "sollen wir zurückfahren?" fragte elena. "nein, um himmels willen, bloß das nicht, mir gehts schon besser. einfach noch ein kleines bisschen bei offener tür sitzen.“
wieder im auto, ließ sie den kopf gegen die rücklehne sinken, der hund schnüffelte freundlich an ihren haaren. sie seufzte ein paar mal, atmete die winterluft und schaute weit übers land. wie damals, dachte sie, ganz wie damals: unter den tiefen jagenden wolken atmen und gehn wir in ruhiger hut, blumen und himmel im augenblick - gestern noch hier und heute schon traum... om tare tuttare ture soha... durch ihre tränen sah sie die wolken dahinziehen, sah ihre formen sich verändern und wurde allmählich ganz ruhig. und da war es ihr, als ob sie ganz genau diesen moment schon einmal erlebt hätte, doch das konnte ja nicht sein, und wenn überhaupt, dann war es vor langer, langer zeit gewesen - und ganz sicher nicht hier.
"manchmal denke ich, dass ich einmal in der steppe gelebt habe," sagte sie. elena stöhnte: "ach, komm, hör auf. an seelenwanderung glaube ich nun wirklich nicht." damit ließ sie den motor an, und mari schloss die wagentür. die wolken aber behielt sie im blick. fliegende engel, dachte sie - fliegende devas.

(mirani meschkat – am tor der zeit, die wolken im blick)

die wolken im blickvon Mirani Meschkat25.2.17
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