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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Ehe für alle?von Arno Abendschön30.6.17
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Das nimmt nun seinen vorhersehbaren Verlauf. Ich könnte daher einfach dazu schweigen. Indessen: Bei einem, der oft über Homosexuelle und Homosexuelles geschrieben und publiziert hat, würde das leicht nach stillschweigendem Einverständnis aussehen. Und davon kann keine Rede sein, durchaus nicht. Also um mich zu distanzieren, um ein für alle Mal klarzustellen, dass ich diesem Zeitgeist so fern wie möglich stehe, die folgenden Punkte:

Ich lebe selbst in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Sie verschafft mir bereits jede mögliche materiell-rechtliche Gleichstellung. Dass es sich nicht um das Rechtsinstitut der Ehe handelt, bedeutet für mich gerade nicht Diskriminierung. Vielmehr sehe ich darin die Anerkennung, die Berücksichtigung meiner besonderen Lebensumstände. Ich bin aufgrund meiner sexuellen Orientierung eine besonders enge Beziehung zu einem Menschen gleichen Geschlechts eingegangen. Was ich nicht will: eine Ehe führen, meine Beziehung an einem Lebensmodell messen lassen, das auf einer wesentlich anderen Grundlage entsteht.

Gesellschaftlich halte ich die Propagierung der Ehe auch für Lesben und Schwule für pseudoprogressiv, im inneren Kern sogar tief konservativ. Radikal progressiv war es vor Jahrzehnten, die Abschaffung der Ehe zu fordern, zumindest aber deren Privilegien. Das hat sich in der öffentlichen Debatte umgekehrt. In einer Zeit, in der die Ehe selbst dramatisch an Bedeutung verloren hat, die Anpassung einer Minderheitskultur an ein traditionell gewachsenes Modell zu fordern, ist mehr als konservativ – es ist restaurativ. Damit passt es hervorragend in die Gegenwart und ist zugleich, indem es sich progressiv geriert, pure Heuchelei.

Die noch fehlenden Adoptionsmöglichkeiten betreffen nur einen verschwindend geringen Bruchteil derjenigen, für die jetzt die Ehe nicht nur geöffnet, sondern tatsächlich Leitbild werden soll. Dieses Problem ließe sich, wenn man denn wollte, gesetzlich auch anders lösen. Indessen: Die Fürsprecher könnten sich dann längst nicht auf die angeblichen Interessen so vieler wie jetzt berufen, und das heißt: nicht nach so vielen Stimmen fischen. Politisch geht es in Wahrheit nicht um die Vollendung von Emanzipation, wie dem Stimmvieh suggeriert wird, es geht um Stimmenanteile, Parlamentssitze, Ministersessel.

Die Art und Weise, wie die Kampagne jetzt geführt wird, das offenkundige Starren auf Wahlprognosen, das Geschachere um Koalitionsoptionen im Herbst, ein parlamentarischer Prozess in größter Hast kurz vor der Wahl, nur um ans Ziel zu kommen, die Profilierungssucht längst abgehalfterter Politgrößen von gestern – all das zeigt, wie sehr Demokratie bei uns auf den Hund gekommen ist.

Und die Medien, das öffentliche Echo überhaupt? Es ordnet jede Kritik automatisch als vorgestrig, reaktionär ein. Da könnte einer insgesamt sogar links von allem stehen, er würde jetzt dennoch als rechts identifiziert. Wieder einmal ein Beispiel für die totalitären Züge, die den öffentlichen Diskurs bei uns neuerdings charakterisieren.

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